«D Lyyt wissid mee as waar isch»

Thomas Bolli

 

Wörterbücher sind wichtig. Sie halten fest, welche Wörter benutzt werden. Damit stellen sie Denkweise und Kultur einer Talschaft, einer Region, eines Landes über Jahrzehnte dar. Es sind nicht dumpfe Sehnsüchte nach Ursprünglichkeit in globalisierten Zeiten, welche Mundartsammler wie Karl Imfeld in Obwalden oder Felix Aschwanden in Uri angetrieben haben. Es ist vielmehr die Freude an der Sprache und deren Reichtum. Das gilt sowohl für das Urner Mundart-Wörterbuch, das 2013 neu aufgelegt worden ist, als auch für das Obwaldner Mundart-Wörterbuch, das seit kurzem in einer vollständig überarbeiteten, sorgfältig gemachten Fassung vorliegt.

 

Saftige Sprüche

Das Obwaldner Mundart-Wörterbuch von Karl Imfeld ist vom Format etwas handlicher als das Urner. Auch hat es keine Illustrationen, sondern ist ausschliesslich auf das Sprachliche beschränkt. Das zeigt sich schon auf dem Buchdeckel. Während das Foto eines Stiers das Urner Mundart-Wörterbuch ziert, finden sich auf dem Umschlag des Obwaldner Wörterbuchs vorne und hinten ausschliesslich Wörter: «Ääli, Balaari, Moondmilch, dui, Aigästäärn, fyyrzindgiggelroot, kruusä, kalatznä, Zeekerli, zwurig...» Wörter, in verschiedenen Farben gesetzt, so farbig und vielschichtig, wie der Obwaldner Dialekt.

 

Im Werk von Karl Imfeld fallen die zahlreichen kernigen und originellen Sprüche auf wie «D Lyyt wissid mee as waar isch»,
«Äi Säich gid nu käi Hafä voll», «Mä sett dänk ga sellä» oder «Är isch äläi is Doorf und mid menä Aff häi cho», «äs lyyted im Niänächäppäli». Immer wieder spürt man die Freude des Autors an Wortspielen, Redensarten und Sprüchen. Von letzteren hat es rund 1500 im Buch, eine Fundgrube für allerlei Kuriositäten.

Beide Mundart-Wörterbücher leisten absolut Ausserordentliches. Hans-Peter Schifferle, ehemaliger Chefredaktor des Schweizerische Idiotikons, wird in der neuen Auflage des Obwaldner Buchs wie folgt zitiert: «Der grosse Wert dieses Werks ergibt sich aus der eindrücklichen Erweiterung, die auch den jüngeren Obwaldner Wortschatz berücksichtigt. Es ist eine Wörtersammlung von hervorragender philologischer Qualität entstanden, die jedoch die Lesbarkeit für ein interessiertes Laienpublikum nie aus den Augen verliert.» Anders als in der ersten und zweiten Auflage fasst das Obwaldner Wörterbuch in der Neuauflage das Sonderwortgut von Engelberg und Sarnen kompakt mit dem Hauptdialekt des Sarnertals zusammen.

Karl Imfeld hat einmal gesagt, dass er nur aufgeschrieben habe, was er selber gehört und erlebt habe.
Im Literaturverzeichnis sind denn auch nur wenige Werke als Quelle ausgewiesen. Ganz anders sieht das beim Urner Mundart-Wörterbuch aus. Dort werden auf mehreren Seiten auch viele Werke literarischer oder historischer Art verzeichnet, die als Informationsquelle benutzt worden sind. Von Karl Imfeld heisst es, er habe die Wörter und Sprüche, die er festgehalten hat, den Leuten «vom Mund gestohlen». «Es glaubt mir niemand, aber das Obwaldner Mundart-Wörterbuch ist das Werk eines einzelnen Menschen», sagte Karl Imfeld einmal.

 

Uri verlegt Obwalden

Die erste und zweite Auflage des Obwaldner Mundart-Wörterbuchs sind längst vergriffen. Die neue, vollständig überarbeitete und um rund 200 Wörter erweiterte Auflage erscheint im Urner bildbluss-Verlag von Christof Hirtler.
«Ich kannte Karl Imfeld seit Jahren. Er fragte mich 2019 an, ob ich sein Wörterbuch neu herausgeben wolle. Ich fasste die Anfrage als Kompliment auf und sagte zu, ohne genau zu wissen, welche riesige Arbeit da auf mich zukommt», sagt Christof Hirtler. Er habe das Buch mit knapp 800 Seiten insgesamt zwölf Mal von vorne bis hinten durchgearbeitet. Das sind an die 10'000 Seiten.

Die Arbeit wurde erschwert durch die Corona-Pandemie. So konnte Christof Hirtler den betagten Karl Imfeld, Jahrgang 1931, nicht mehr im Altersheim besuchen. Und leider hat Karl Imfeld das neue Buch nicht mehr in den Händen halten können. Er, der weit herum bekannte und langjährige Pfarrer von Kerns, der in Altdorf das Gymnasium besucht hatte, der Mundartdichter, der ehemalige Autor und Sprecher der DRS-Radiosendung «Zum neuen Tag», der Hörspielautor und Obwaldner Kulturpreisträger verstarb im August 2020. Zu seiner Arbeit hielt er noch vor seinem Tod fest: «Ich erachte die Neubearbeitung des Wörterbuches, die ich trotz des hohen Alters noch erbringen konnte, als eine Verpflichtung gegenüber unserer Volkskultur.» Das Resultat der Arbeit beeindruckt wältsig.


OBWALDNER MUNDARTWÖRTERBUCH

Beredtes Zeugnis für Obwaldens eigene Sprache

 

«Deine Sprache verrät dich, lautet ein Spruch. Auf Karl Imfelds total überarbeitetes Obwaldner Mundartwörterbuch trifft er besonders zu.

Romano Cuonz

 

«Dieses Wörterbuch sei all jenen gewidmet, welche unsere Obwaldner Mundart sprechen oder schätzen», schreibt der vor kurzem verstorbene ehemalige Kernser Pfarrer, Volkskundler und Mundartautor Karl Imfeld im Vorwort zu seinem neu aufgelegten, bedeutenden Werk. Und fügt dann – fast hörbar erfreut – hinzu: «Die Nachfrage bei der jüngeren Generation ist konstant.» Nicht zuletzt deshalb habe er sich dazu entschlossen, in einer vierjährigen Arbeit den gesamten Wortbestand durchgehend zu überarbeiten und um zahlreiche frisch hinzugefügte Ausdrücke und Erklärungen zu erweitern. Gut 200 Wörter, die sich in neuerer Zeit, beispielsweise durch die Jugendsprache oder im täglichen Umgang, eingebürgert haben, nimmt Imfeld zusätzlich in sein Werk auf. Und stets gibt er auch den ungefähren Zeitpunkt des Aufkommens an. Mit dem ergänzten schriftdeutschen Nachschlageverweis auf die Dialektwörter im Mundartteil erleichtert er Nicht-Obwaldnern den Zugang ungemein. Und noch ein ganz wichtiger Unterschied zur früheren Ausgabe: In der Neubearbeitung sind Engelberger und Lungerer Dialektformen stets ins Gesamtalphabet eingereiht. Dies ermöglicht Vergleiche in buntem und lebendigem Überblick.

Hunderte Obwaldnerinnen und Obwaldner haben dieses Abschiedsgeschenk Karl Imfelds sehnsüchtig erwartet.
Nun liegt es – nach einer Panne beim Buchbinden nochmals neu gedruckt – endlich auf dem Ladentisch.Der Altdorfer Verleger Christof Hirtler, dem Karl Imfeld sein volles Vertrauen geschenkt hatte, atmet erleichtert auf. Zu seiner intensiven, hunderte Stunden umfassenden Arbeit sagt er: «Die Anfrage von Karl Imfeld, sein Lebenswerk herauszugeben, empfand ich als grosse Wertschätzung, aber auch als Verpflichtung.» In der Tat: als Projektleiter und Gestalter hat der Urner, zusammen mit zahlreichen Beratern und Korrektoren, einen wertvollen und unschätzbaren Beitrag zur Erhaltung eines einmaligen Obwaldner Kulturguts geleistet.

Alllein schon grafisch besticht das neue Buch: Mit einem schönen, Leserinnen und Leser auf Obwaldner Deutsch ansprechenden Umschlag. Darauf mehrfarbig klingende Wörter wie Gellerettli, Aigästäärn, kalatznä und natürlich dui! Bestechend ist auch das von der ersten bis zur letzten Seite durchdachte, konsequente Layout mit der gut lesbaren grossen Grundschrift, in der Mundartwörter deutlich hervorgehoben werden.

 

Eines der wichtigsten Bücher Obwaldens

Das neu überarbeitete Obwaldner Mundart Wörterbuch ist Karl Imfelds letztes Werk. Man kann mit Fug und Recht sagen: sein Lebenswerk! Imfelds früherer Weggefährte und ehemalige Obwaldner Landammann Franz Enderli anerkennt: «Das Buch ist ein Zeugnis für seine innere Freude an der Sprache und vor allem für seine Liebe zum Obwaldner Dialekt.» Mehr noch: Den ganzen Wortschatz, viele Sprichwörter und Redewendungen habe Imfeld da in zwanzigjähriger Arbeit akribisch zusammengetragen. «Es ist eines der wichtigsten Bücher in Obwalden, ein Kulturschatz und als Nachschlagewerk in fast jedem Obwaldner Haushalt zu finden», gibt sich Enderli überzeugt.

Für den Autor von grösster Wichtigkeit war die Wertschätzung seiner Arbeit durch den Fachmann Hans-Peter Schifferle, den ehemaligen Chefredaktor des Schweizerischen Idiotikons. Imfeld gab sich Professor Schifferle gegenüber stets sehr bescheiden. Kurz vor seinem Tod schrieb er ihm noch: «Ihre hohe Anerkennung für meine Arbeit hätte ich nie zu erwarten gewagt, ich kenne die Probleme und Stolpersteine des Autodidakten, ein Fachstudium lässt sich nicht ersetzen.» Hans-Peter Schifferle seinerseits bewundert, wie «Autodidakt» Imfeld in den letzten Jahren noch alle Möglichkeiten der Online-Recherche ausschöpfen lernte. «Der grosse Wert der Neubearbeitung manifestiert sich in der sorgfältigen Durchsicht, Ergänzung – aber nicht Aufblähung – und auch strukturellen Optimierung der Erstauflage», hält Schifferle fest. Damit sei eine Wörtersammlung von hervorragender philologischer Qualität entstanden. Bei aller Wissenschaftlichkeit verliere Karl Imfeld nie die Lesbarkeit für ein interessiertes Laienpublikum aus den Augen. Sein Ziel, ein Mundartwörterbuch zu schaffen, das dem Laienbenützer diene und für den Fachmann verlässlich sei, habe er glänzend erreicht. Und Schifferle geizt nicht mit Lob: «Karl Imfeld ist recht eigentlich ein Meisterwerk gelungen, das eine Zierde in der Landschaft der Regionalwörterbücher des Schweizerdeutschen darstellt.»

 

Einer, der «uf zwee Stiälä ghocked isch»

Sehr persönlich setzt sich Schauspieler, Regisseur und Autor Hanspeter Müller-Drossaart in einem Vorwort mit Karl Imfeld, seinem neuen Werk und der Obwaldner Sprache auseinander. Charakterisiert treffend die immense Arbeit des Pfarrers, wenn er schreibt: «Sorgfältig und mit geduldigem Ohr unsere Obwaldner Dialektwelten erforschend, sammelnd, mit kundiger Feder fassend und ordnend, hat Karl Imfeld, obwohl er als Pfarrer und Dichter uf uzwee Stiälä ghocked isch, auf seine Weise religiösen Auftrag und irdische Sprachlust zusammengeführt und i dr gliichä Chappälä ghirtet.» Und Müller bringt es mit einem kernigen Mundartspruch auf den Punkt: «God z Eerä gschaffed isch ai bätted.»