Wilderergeschichten und ein Doppelmord.
Die Ermordung der Wildhüter Werner und Josef Durrer 
in Akten und Geschichten

von Michael Blatter

Am 14. Oktober 1899 werden der Obwaldner Wildhüter Werner Durrer und dessen Sohn Josef Durrer auf der Gruobialp ermordet. Täter ist der Nidwaldner Zimmermann, Jäger und Wilderer Adolf Scheuber. Der flieht mit einem Sprung aus dem Zug, der ihn nach Stans in die Untersuchungshaft bringen soll. Seine letzte Spur verliert sich 1901 in Südamerika. Zahlreiche Geschichten kursieren über den Aufenthalt des Täters, über den Mord, über die Ursachen des Verbrechens.

Diese Geschichten, zum Beispiel Zeugenaussagen oder mehr oder weniger sachdienliche Hinweisen und Verdächtigungen, sammeln sich in den Akten der Untersuchungsbehörden. Die Geschichten werden mündlich, in Familien oder an Stammtischen, weitererzählt. Und die Geschichten werden aufgeschrieben, literarisch aufbereitet, als Romane gedruckt oder auf Bühnen aufgeführt, bis heute.

2012 werden die Nidwaldner «Wilderergeschichten» schliesslich als eine der «lebendigen Traditionen» der Schweiz gelistet, auf der offiziellen Liste von ursprünglich 165, unterdessen 199 Schweizer Bräuchen, Praktiken und Traditionen gemäss der Unesco-Konvention «zur Bewahrung des immateriellen Kulturerbes». Ein brutaler Mord 1899 und eine offizielle Würdigung 2012 – wie passt das zusammen?

Erzählen ist alles andere als eine unschuldige und harmlose Tätigkeit. Wer erzählt die Geschichte so und nicht anders und in welcher Absicht? Akten sind wirkungsmächtig, orientieren sich an Fakten und schaffen Fakten. Literarische Erzählungen sind dramatisch zugespitzt und nicht weniger wirkungsmächtig. Darin werden Wildern erklärt, Gewalt und Mord begründet – und bisweilen sogar gerechtfertigt. Ganz anders die leiseren, aber eindringlichen Stimmen von Betroffenen und Angehörigen. Zum Beispiel der Täter selbst, der nach der Flucht heimlich Briefe in die Innerschweiz schickt. Darin seitenlang praktische Kleinigkeiten und detaillierte Fluchtpläne, immer wieder berührende Liebeserklärungen an seine Frau, aber keine Heldengeschichten. Oder Angehörige des Täters, die in den 1930er-Jahren gerichtlich die Veröffentlichung eines Romans zu verhindern suchen. Vergeblich zwar, aber sie erklären vor Gericht, wie sehr sie diese Geschichte belastet. Oder in den 1970er-Jahren, als ein Neffe beziehungsweise Grosssohn der Ermordeten das Wort ergreift, seine Sicht auf Band und dabei vor allem von Versöhnung und Vergebung spricht.

Das Buch spürt diesen Geschichten nach, nicht nur der lauten Legendenbildung, sondern auch den leiseren Zwischentönen. Es geht dabei um Mord und Gewalt, um Wissen und Misstrauen, um Jagd und Wilderer, um Wildnis und wilde Tiere, um Schuld und Sühne.

 

Paxmontana

Lesebuch über das 1896 erbaute Jugendstilhotel im Flüeli-Ranft, von Romano Cuonz.

1896 baut der Meisterkoch Franz Hess-Michel (1865–1948) das Kurhaus Nünalphorn. Der Standort in Flüeli-Ranft mit Sicht in die Ranftschlucht, in die Melchtaler Berge und in die Weite des Saarnerartals ist grossartig gewählt. Das Hotel verfügt über grosse Gärten, einen Landwirtschaftsbetrieb mit Kühen, Pferden, Schweinen und Bienen, eine Molkerei, eine Bäckerei und eine Sägerei. Hess legt ein weitverspanntes Netz von Spazierwegen und eigens gefertigte Exkursionskarten in die nähere Umgebung an. Ein hoteleigener Kricket- und Tennisplatz, ein Turnplatz und die Wandelhalle stehen den Gästen für körperliche Ertüchtigung zur Verfügung.  

1906 vergrössert Franz Hess das Gebäude um zwei Geschosse: das Hotel präsentiert sich nun als Grandhotel im Jugendstil. Reiche Gäste kamen aus ganz Europa ins «Nünalphorn», bis zum Ausbruch des ersten Weltkriegs 1914… 

 

OXÄ – als UrnerInnen die Welt veränderten, von Dr. Romed Aschwanden und Christof Hirtler

«Gemmer i Oxä», hiess es, wenn man sich treffen wollte. Wer das Lokal betrat watete durch einen Nebel von Rauch. Man verstand kaum ein Wort. Die Musikbox dröhnte – Hardrock, Rock, Psychedelic. «Der ‹Ochsen› war ein Treffpunkt für Stammgäste, Arbeiter und Angestellte, Studenten und Künstler, für Linke und Rechte», erinnert sich Richard Zgraggen. «Damals kam man zusammen für ein ‹Feierabendbier›, erzählte von seinem Tag, diskutierte, stritt um Positionen.»

«Der ‹Ochsen› war verrufen, es zirkulierten allerlei wilde Gerüchte. Der Ochsen war in der ganzen Schweiz bekannt», sagt Bärti Schuler, ehemaliger Besitzer eines Schallplattengeschäfts in Altdorf. Den «Ochsen» gibt es nicht mehr, doch steht er immer noch sinnbildlich für den Kanton Uri während der bewegten Jahre nach 1968. Er war, wie der Plattenladen von Bärti Schuler, ein Treffpunkt der «Jungen Wilden» seit den 1960er-bis Ende der 1980er-Jahre. Eine Bühne, auf der sich

unterschiedlichste Menschen trafen – ein Synonym für Subkultur und Widerstand, Aufbruch und Veränderung.
Die historische Forschung hat sich in der Untersuchung des «bewegten Jahrzehnts» nach 1968 vor allem auf den städtischen Raum konzentriert. Das führte zu einem verzerrten Geschichtsbild, denn nicht nur in den Städten wurde protestiert. Beinahe zehn Jahre bevor die alternative Wochenzeitung WOZ 1981 in den Druck ging, erschien 1973 die erste Nummer der Urner Alternative – im Wallis erschien 1971 die Rote Anneliese, in Graubünden 1972 die VIVA, um nur einige ähnliche Alternativblätter zu nennen. Auch in den Bergkantonen gab es junge, alternative Milieus, die mehr Mitspracherecht forderten, alte Eliten kritisierten und Bildungsreformen verlangten. Die «Linke» in Uri war aktiv und laut. Was die Alternative schrieb, hatte Gewicht, wurde gelesen und von der Gotthardpost und dem UW kommentiert. Man protestierte gegen ein Atomendlager der Nagra im Oberbauenstock («Hiä Niä») oder gegen die «Lastwagenlawine» nach der Eröffnung der Gotthardautobahn 1980…